Schmecktologieabend #3

Mit schlotternden Knien ging ich in den letzten Schmecktologieabend. Es sollte nämlich eine reine Weißweinverkostung werden, und Weißwein ist bei meinen Freunden z.T. eine untergeordnete Kategorie. Rotwein ist besser, basta. Weißwein ist mädchenhaft, auch basta. Na gut, ich habe übertrieben. Soooo schlecht war die Stimmung nicht. Ich war jedenfalls gespannt, wie die Weißen punkten können und Vorurteile zu zertrümmern imstande sind.

 

Erster Stoff an dem Abend war ein 2007er Weißburgunder von Salwey, Oberotweil im Kaiserstuhl. Und der sollte den Weinstil "Frische und Frucht/leichte Weißweine" repräsentieren. Im Glas lag er mit nicht zu wenig Farbe, die aber wirklich schon Frische und Fruchtigkeit mit einem kräftigen, grünen Gold zeigte. In der Nase setzte sich kräftiges grünes Gold fort: grüne Äpfel, Birne, Ananas. Und schon waren die ersten dabei, ihn positiv zu einzustufen. Am Gaumen dann mehr Pfirsich und immernoch diese Birne, dazu aber eine leichte überraschende Bitterkeit. Unterm Strich konnte der Weißburgunder die Gunst der Verkoster im Allgemeinen gewinnen und das Eis war gebrochen. Ich selber würde einen WB, der sich lange für mich nicht wirklich geschmacklich erschlossen hatte, so beschreiben: Qualität und Geschmack vom Riesling mal 0,75. Steinigt mich dafür.

 

Nächster Wein: Grüner Veltliner, 2007, von Felsner, Kremstal (Österreich). Stellte sich farblich intensiver golden mit weniger grün, aber doch etwas grün dar. Interessant, da ist wirklich Dill drin. Außerdem weißer Pfeffer, ich fand auch Haselnüsse, aber Juliane weigerte sich vehement dagegen, und Pampelmuse, die lange auf der Zunge blieb. Ein voluminöser Wein, interessante Traube, aber keinen der Anwesenden konnte sie überzeugen, und nachdem ich seither noch ein, zwei weitere Veltliner in den Rachen bekommen habe, hat sich meine negative Meinung verfestigt.

 

Die Rennstrecke machte wieder eine Kurve und wir gelangten zu einem 2006er Chardonnay von Sebastian aus Sonoma, Kalifornien, mit 13,5% Alkohol. Farblich trompetengold, diffundierte er sich in die Nasen mit einem Duft von Galiamelone, Bananensaft, etwas Mango. Ein Südseefrüchtekorb, aber ohne Citrusfrüchte. Nicht nur von der Textur, vor allem auch im Geschmack fand sich reichlich Butter, und zwar leicht gebräunte. Ich würde sogar sagen, es handelte sich um ein leckeres indisches Butterhähnchen ohne die indischen Gewürze. Nach den Massen an Butter kam er mit Birkenholz und Kaminfeuer hervor, und auch die Mango aus der Nase war geschmacklich vorhanden. Mark R.: "Fast ein Rotwein." Dieser Chardonnay war bisher der Sieger des Abends.

 

Aber auf einem Bein steht man schlecht, also öffneten wir einen zweiten Chardonnay, auch Kalifornien, auch Sonoma, auch 2006. Von den Giganten Ernest und Julio Gallo. Keine Ahnung, warum ich die Flasche vor langer Zeit mal gekauft habe. Es handelte sich um einen der Klasse "Turning Leaf", die nicht zu den besten des Weinguts gehören. Nase: Wiesenblumenhonig, aber sowas von. Gaumen: Herbstlaub und, ja, Mettwurst. Lange nicht die Liga wie der vorher getrunkene.

 

Und dann kam eine Bombe. 2006er Gewürztraminer trocken aus dem Elsass von Paul Zinck, der Cadmiumgelb im Glas lag. In der Nase explodierte dann die Vegetationsbombe: tonnenweise Litschis, gepaart mit Rosenblüten. Man roch schon, dass er süß sein musste, was er aber verwirrenderweise nicht war. Diese Irritation macht nicht soviel Spaß. Überhaupt lässt einen die Geschmackscharakterisitk an Rosamunde Pilcher erinnern oder, was noch etwas besser ist, Dorffeste in den 50er Jahren, auch wenn die von uns niemand miterlebt hat, aber das Kollektiv der Gesellschaft trägt die Erinnerung, an der der Einzelne sonderbarerweise partizipieren kann. Ich glaube, dieser Wein war in die falsche Richtung zu außergewöhnlich und nur Mark W. fand ernstes Gefallen, was aber trotzdem nicht gegen ihn spricht.

 

Die Erlösung: Ein Rotwein zum Nachtisch! Aus Südafrika ein Cabernet/Merlot vom Weingut, das auf deutsch "Jenseits der Erwartungen" heißt und in echt Buitenverwachting. Angesiedelt ist es in Constantia, wo auch der südafrikanische Weinanbau 1652 begonnen hat. Eine kleine Region, die etwas kühler und regenreicher als die meisten in dem Land ist. Es gibt nur eine handvoll Weingüter, aber die haben es in sich. Der geöffnete Cab/Merlot zeigte eine dunkle, warme Farbe, was er auch im Alter von 5 Jahren durchaus darf. Er überraschte in der Nase mit Blauschimmelkäse, wurde aber nach und nach fruchtiger, man fand Paprika, wofür der Cabernetanteil verantwortlich war. Der Blauschimmelkäse setzte sich auf der Zunge fort, es trat noch Heidelbeere dazu. Man muss sich einen Moment auf ihn einlassen, es ist kein Wein, der seine Qualität herausposaunt, obwohl er sie hat. Mark R.'s Kommentar: "Erst Ballett, dann Death Metal". Sein ganzes Potential spielte er aber erst am Folgetag aus. Ja, es ist etwas in der Flasche geblieben, das die Nacht überdauert hat. Nach 24 Stunden atmen war er hinreißend. Für 10,- € wirklich viel, was man bekommt.

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