Slow Wine

Eigentlich bin ich ja nicht zwingend gegen Anglizismen, wenn es nicht zu viele in einem Satz sind, aber in diesem Fall finde ich aus dem Bauch heraus Langsamer Wein schöner. Hier nur mal kürzchen ein kleiner Beitrag zu dem Terminus. Bei Wein ist Hetze generell inadäquat, selbst das drittelgefüllte Becherglas in italienischen Familien zum Mittagessen erfährt seine stille Würdigung. Manchmal mag man einen gekauften Wein am selben Abend öffnen, weil man einfach Spannung in den Adern hat, aber auch hier sollte der Wein erst einmal ein paar Tage liegen, um wieder zu seiner Ruhe zu finden. Und genauso spielt beim An- und Ausbau Zeit eine nicht untergeordnete Rolle. Der ehrenwerte Landschaftsarchitekt Chrisophe Girot hat einmal zu seiner Profession sinngemäß gesagt: Zeit, Leben und Demut sind die drei fundamentalen Säulen der Landschaftsarchitektur. Und so kann man genauso an den Wein herangehen. Es muss nicht immer der frischeste und neueste Wein sein. Die meisten Weine brauchen Ruhe und Dauer, um zu reifen und dem muss Repekt gezollt werden. Schnell schnell auf die Flasche ziehen und auf den Markt werfen ist normalerweise nicht die beste Lösung. Und wenn er einmal in der Flasche ist, kann er immernoch liegen gelassen werden. Ein Jahr, zwei Jahre, acht Jahre,... Das neueste Kameramodell toppt in der Regel das Vorgängermodell. Der neueste Jahrgang toppt nicht immer den Vorjahrgang und erst recht nicht, wenn man ihn überstürzt.

Auf der anderen Seite unterliegt Wein als Naturprodukt auch der Vergänglichkeit. Er wird produziert, ist noch jugendlich, reift dann und zerfällt schließlich. Es gibt für jeden Wein ein bestes Datum, das ist aber oft nicht fünf Monate nach der Lese und auch nicht 50 Jahre danach, sondern irgendwo dazwischen. Wein ist ein Genussmittel, und genießen funktioniert nur im konsumieren. Wein ist letztendlich nicht zum Platz verbrauchen im Keller gemacht, sondern zum trinken. Es kommt nicht auf den Tag an, aber an irgendeinem muss er getrunken werden. Und manchmal muss man für einen guten Wein einfach einen Tag zu einem besonderen Tag erklären, damit man ihn berechtigterweise öffnen kann. Und dann passiert eine wunderbare Metamorphose: Der Tag wird zu einem besonderen Tag, WEIL man den Wein geöffnet hat.

Man kann die fast 2000 Jahre alte Terrakottaarmee konservieren und in vielen Jahren noch uneingeschränkt bestaunen. Mit Wein geht das nicht. Wein ist etwas für das Jetzt, auch wenn das Jetzt mit viel Dehnung verstanden werden muss. Gerade diese Vergänglichkeit finde ich interessant, dieses Unvermögen, konservieren zu können. Das macht den Wein eigenwillig. Und es ist metapherig für das unaufhaltsame Rollen aller Dinge des Lebens. Eigentlich wollte ich weniger schreiben.

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