Schmecktologieabend 14. August 2010

Das Universum hat einen Durchmesser von Multipliarden Kilometern und in jeder Ecke wird Wein angebaut. Und sämtlicher Wein wird nach Deutschland in die Regale transportiert. Aber wir haben einen Sinn für regionales Leben und sind uns der Eigen- und Einzigartigkeit der Region bewusst. So schweiften wir nicht in die Ferne, da das Gute ja so nah liegt. Weinanbau aus Luftlinie maximal 100 km Entfernung sollte verkostet werden. Und dann gab es noch die bescheuerte Regel, dass kein Riesling und kein Spätburgunder auf dem Tisch stehen darf, weil wir uns mit den Sorten an einem anderen Tag dezidiert beschäftigen werden. Es kamen 4 weiße und 6 rote Weine zusammen. Start: Ein Silvaner aus der Pfalz vom Weingut Ökonomierat Froelich, der sich auch fleißig der Forschung und Entwicklung von Reben verschreibt. Das Weingut liegt in Edenkoben, die Lage ist Schwarzer Letten, Jahrgang 2007. In der Nase gleich eine angenehme Würzigkeit von Liebstöckel, auch Spargel und Grapefruit. Der Geschmack wird mit den Sekunden im Mund immer weicher und liebevoller, während er zu Beginn außer den in der Nase schon vorhandenen Aromen noch Dragonfruit addiert. Wirklich netter Wein, seinen Preis von 7,- € wert. Nächster Tropfen war der 2008er Pinot Gris von Heitlinger aus dem Kraichgau, Baden, der schon durch ein attraktives Etikett vor dem Verkosten zu gefallen sucht. Und dazu gefällt mir die Typo des Rückenetiketts, wo der Vermerk „Spicy Stone“ draufsteht. Will er damit auf besondere Mineralität hinweisen? Naja, zunächst hat er eine kräftige, noch leicht grüne Farbe. Dann sehr schwer in der Nase, mächtiges Aroma. Bisschen was von Baustelle und nassem Beton, Pampelmüschen, Kopfsalat, Sonnenblumenkerne (was, die riechen!?), frische, süßliche Äpfel. Geht etwas pelzig über die Zunge, aber solider Geschmack und wirklich: mineralisch. Mit 10,- € ein paar Mark teurer als der Silvaner, aber auch dieser eine echte Kaufempfehlung. Edenkoben, Kraichgau, wir kamen Karlsruhe immer näher. Und als nächster und vorerst letzter weißer kam einer in die erlauchten Gläser, der direkt in Karlsruhe angebaut wird, um genau zu sein, am Durlacher Turmberg. Der Wein war ein 2008er Auxerrois (oder, wie er seit diesem Abend auch genannt wird: Accessiore), der preiswertere der beiden, die das Staatsweingut Durlach anbietet. Als Kontrast zu dem Pinot Gris war dieser farblich sehr blass, was ich einem Weißwein aber nicht unbedingt negativ anlaste. Nicht nur in der Farbe ist er zurückhaltender, sondern auch im Geruch. Aber er hat etwas zu sagen und erzählt von Äpfeln, Birnen und Heu. Ein Wein wie ein hübscher Herbsttag. Kann man vielleicht generell zu Accessiore aka Auxerrois sagen. Im Geschmack ganz weich und trotzdem frisch. Der weht wie ein seichter Wind durch den Mund und braucht auch nicht mehr als 10% Alkohol. Und diese Bescheidenheit mag ich an der Rebsorte. Auxerrois präsentiert sich, aber nicht mit Pauken und Trompeten. Auxerrois stellt sich nicht selbstverliebt in den Kegel des Rampenlichts. Auch 7 €, auch wert, wieder gekauft zu werden. So, rot. Der letzte Weiße ist süß, der wird erstmal zurückgestellt. Rot Nr. 1: 2008er Lemberger vom selben Staatsweingut Durlach. Man denkt bei der Traube erstmal an Trollinger/Lemberger Plörre auf schwäbischen Stammtischen. Aber man erwartet von dem Weingut eigentlich mehr. Dieser Lemberger ist im Holzfass gereift und zeigt einen transparenten Rotton mit schon warmen Reflexen. Das Holz reicht man gleich raus. Dazu kommt Thymian und Kirsche. Etwas angestrengt schiebt er sich über die Zunge, als wäre er von seinem eigenen Charakters nicht wirklich überzeugt. Schmeckt aber trotzdem nicht schlecht nach Waldfrüchten und dem dazugehörigen Boden. Aber es mangelt an gebührender Harmonie. Sonst wäre er durchaus ein lecker Stöffsche. Dann kam das Feindesland. Aus badischer Sicht. Württemberg. Cuvée der Weinmanufaktur Untertürkheim, 2007, auch aus dem Holzfass. Keine Ahnung, was die Trauben sind, aber will ich auch gar nicht wissen. Der Wein ist einfach flach. Oder wie Matthias sagte: Glatt wie eine Turnhalle. Also, vergiss es. Zurück nach Baden, nach Wiesloch. Ein Regent, 2005. Mit der Rebsorte kam ich noch nie so wirklich klar. Obwohl er ja weitgehend pilzresistent ist und man als einigermaßen ökologisch denkender Kerl sowas wegen der geringeren Fungizidbekämpfung begrüßen möchte. Er riecht nach Sauerkraut mit Knödeln und schmeckt scheiße. Mehr Worte möchte ich nicht verlieren. Lieber mit dem nächsten Wein weitermachen, der die Erwartungen wieder ankurbelte, denn es war vom renommierten pälzer Weingut Knipser, der seinen 2007er Cuvée aus Cabernet, Dornfelder (Pfalz halt) und St. Laurent Gaudenz genannt hat. Muss ich mal googlen, was er damit meint. Vielleicht eine Kombination aus Gaudi und Audienz. Jetzt, wo ich das schreibe, war die Flasche schon leer und ich kann mich an das Geschmackserlebnis vom Abend nicht mehr ausreichend erinnern. Er kam aber bei den meisten klasse an, bei mir jedoch weniger. Der vorletzte Rotwein war die Neuzüchtung Acolon (Dornfelder x Lemberger) von der Winzergenossenschaft Edenkoben, also wieder Pfalz, Jahrgang 2008. Acolon findet vor allem in Franken viel Anklang, aber auch in der Pfalz immer mehr Freunde. Leider war dieser am Verkostungsabend so scheußlich, dass ich das Glas nicht in den Mund, sondern in den Schweineeimer geleert habe. Einen Tag später gewann er aber überraschend und ordentlich an Quali. Nicht dass er jetzt geil wäre, aber einen Satz nach vorne hat er unverkennbar gemacht. Er riecht nach Kirsche und Kuh und schmeckt auch so, was ich hauptsächlich, aber nicht nur, positiv meine. Acolon braucht also lange Luft. Aber ob ich mal freiwillig einen kaufe, sei noch sehr dahingestellt. Schlussendlich begaben wir uns zu dem letzten Rotwein. In einer schweren Flasche lag ein 2007er, barriquegereifter Cabernet Sauvignon von Werner Anselmann aus der Edesheim, Pfalz. CS aus Deutschland sehe ich i. d. R. kritisch, aber von außen hat er trotz eines Wappens auf dem Etikett einen guten Eindruck gemacht, nicht zuletzt, weil er zwei goldene Plaketten vorwies. Aber was heißt das schon. Nase: Ein wirklich schmeichelnder Duft aus dicken roten Früchten, und viel schwarzer Johannisbeere. Wüsste ich’s nicht besser, ich hätte apodiktisch auf Shiraz getippt. Weich im Mund, super Tannine, fruchtig und voller Körper. Ein Knaller, und das für 11 €. Richtig geil. Und als Nachtisch noch ein Weißer. Eine Spätlese vom Jahrgang 2007 aus dem Hause Karl Pfaffmann, Walsheim, Pfalz. Hartes Gelb im Glas, in der Nase Mirabellen und Salatgurke, die Süße ist auch schon gut riechbar. Auf der Zunge fühlt er sich voluminös, aber dabei luftig leicht an. Er hat ein angenehmes Säurespiel, aber auch diese unangenehme Textur einer durchgereiften Birne. Die Frage nach Nachkaufen erübrigt sich, weil so liebliches Zeug nix für mich ist. After all ist Deutschland wieder interessanter geworden. Und es wurde wieder bestätigt, dass Deutschland ein ausgezeichnetes Weißweinland ist, obgleich es auch hervorragende Rote gibt. Inzwischen habe ich auch raus, dass Gaudenz ein männlicher Vorname ist und im Fall des beschriebenen Weins Bezug nimmt auf Gaudenz Knipser, einen Urahn der Knipserlinie. Gaudenz Koch, wäre das ein Name für meinen imaginären Sohn?

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Kommentare: 1
  • #1

    Metty (Montag, 16 Juli 2012 15:19)

    nice post