Schmecktologieabend Amerika (Nord)

Eigentlich wollten wir ja die Kanzemer Altenberg-Vertikale ’08-’03 von den Weinfunatikern durchprobieren, aber dann kam alles ganz anders. Wir haben eh schon einige Amerikaner im Haus, am folgenden Tag sollte noch eine halbamerikanische Familie zu Besuch und BBQ kommen, und an diesem schmecktologischen Abend hat sich eine weitere Amerikanerin angekündigt. Zudem hatte Tyler aus den USA zwei Flaschen und die Laumanns eine Flasche mitgebracht, die alle drei vielversprechend aussahen. Also änderten wir den Kurs zu amerikanischen Weinen. Außer den drei genannten erwarb ich noch den CS von 1995, der schlussendlich diese kleine Reihe abrunden sollte. Vorher gab es einen keinen Wein. Hä? Ja, ich hatte noch einen Chardonnay offen und hatte aus Versehen falsch gedacht, dass er aus den Staaten kommt, kam er aber nicht, sondern aus Südafrika. Die Verwechslung ist mir aber erst aufgefallen, als wir ihn schon komplett geleert haben. Komisch, ist mir bei dem selben Wein früher schon einmal passiert. Also zählte er nicht und wird auch hier stillschweigend ignoriert. Aber der dann wirklich erste war auch ein Chardonnay. Von Milagro aus New Mexico. Aus dem Staat findet man nicht allzu häufig was in deutschen Regalen und er wurde ja auch in diesem Fall privat importiert. Jahrgang 09. In der Nase schon untypisch, spritzig und man mochte ihn olfaktorisch schon fast für einen halben Sauvignon halten. Nee, wirklich. Gleichzeitig zu seiner Hartkantigkeit und seinem Stachelbeeraroma zeigte er aber auch das typisch buttrige, dazu Mostbirne, Erbsen, Pampelmuse. Durch seine Ambivalenz etwas anstrengend, obwohl man ihm seine Klasse nicht absprechen konnte. Je wärmer er wurde, umso angenehmer wurde er. Allerdings bukettierte er dann mit einer leichten Petrolnote. Wieder ein Wort erfunden. Bukettieren. Sein Abgang schwebte lange nach. Dagegen hielten wir einen Chardonnay aus der Pfalz vom Ökoweingut Wiedemann, 2010. Ganz was anderes. In der Nase feuchte, etwas bemooste Steine, Gummibärchen, sehr gereifte Birne und der Geruch von dem Holz roter Johannisbeeren, wenn man daran mal mit dem Fingernagel kratzt. Probier das mal aus. Im Mund war er deutlich leichter und zitrusfruchtiger. Und fiel auch viel schneller ab. Nicht wirklich schlecht, aber der New Mexikaner hatte dann doch die Nase vorn.

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Mehr weiß gabs nicht, sondern jetzt einen Zinfandel 2007 von Rosenblum Cellars aus Livermore Valley bei San Francisco, nicht weit südlich des großartigen Napa Valleys. Überwältigend in der Nase, unglaublich reichhaltig. Leider auch etwas Uhu dabei. Am Gaumen auch Jostabeere, Preißelbeere, Aprikosenmarelade. Und das alles getragen von den typischen Holznoten Schoki und Vanille. Nicht zu vergessen die rauchigen Klänge. Durch und durch interessant gemachter Zin, bei dem man nicht mal geschmacklich die 15,2 Vol.% sehr merkt. Von der Rebsorte bin ich inzwischen sowieso überzeugt, egal ob aus Kalifornien oder als Primitivo aus Apulien.

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Dann ein Stoff von Jim Clendenen. Neenee, aber nicht Au Bon Climat. Trotzdem dieser Jim Clendenen. Nebenbei bewirtschaftet er mit seiner Familie noch ein weiteres Weingut, Le Bon Climat im Santa Maria Valley. Der Pinot Noir war ein 06er und wir dekantierten in etwa eine Stunde vor Genuss. Faszinierendes, durchdachtes Aroma. Zwetschgen, Semmelknödel und Bratensoße, Stroh, würzig und sekundär überreife Erd- und Himbeeren. Ganze Menge. Auf der Zunge ging es weiter so: Vanille, Teer, dann lustig, Kornelkirsche, Stroh, Wachholder. Und für Candida war er „wie ein Fuchs, der eine weiße Gans zerfleddert hat und jetzt auf der Flucht vor dem Bauern ist“. Gesegnet ist, wer sich darunter einen Geschmack vorstellen kann :-) Auch nicht von schlechten Eltern: Die Flasche an sich. Genauso ein Panzer wie die damals vom Sessantanni Primitivo, die leer 1200g wiegt. Diese hatte das selbe Gewicht. Etwa das anderthalbfache des Inhalts.

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Schließlich der Dinosaurier. 1995er Niebaum Coppola Cabernet Sauvignon, sowohl aus der Black Label Serie als auch aus Napa Valley. Coppola, der Hollywood Regisseur, hat das Weingut, das ursprünglich vom Finnen Gustave Niebaum im 19. Jh. gegründet wurde, in zwei Teilen bis 1995 aufgekauft. Durch das Alter ein ganz anderer Wein wie die vorhergehenden. Und das merkt man schon gleich in der Nase. Alte Honginoten, Ginster und der Geruch, von einem PS-Monster, das Gummi auf der Straße lässt. Im Mund dann relativ süßlich (aber noch merkbar im trockenen Bereich, nur gefühlt nah an der Grenze), Pappe, Lakritze und deutliche Tannine. Ich wüsste mal gerne, wie stark die in seinen ersten Jahren wohl waren. Offensichtlich sagt man Niebaum Coppola nicht umsonst nach, sie würden bordelaisig ausbauen.

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Ach ja, und da waren außer dem o.g. Chardonnay noch zwei deutsche Vergleichsflaschen: Ein Pinot Noir von Männle aus Durbach/Baden und ein Barrique Cabernet von Anselmann aus der Pfalz. Aber die werden jetzt hier nicht weiter besprochen, auch wenn du dir das noch so sehr wünschst.

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