Weinrallye #69: Wein und Lyrik

Deutung eines allegorischen Gemäldes

 

Fünf Männer seh ich

inhaltsschwer -

wer sind die fünf?

Wofür steht wer?

 

Des ersten Wams strahlt

blutigrot -

das ist der Tod

das ist der Tod

 

Der zweite hält die

Geißel fest -

das ist die Pest

das ist die Pest

 

Der dritte sitzt in

grauem Kleid -

das ist das Leid

das ist das Leid

 

Des vierten Schild trieft

giftignaß -

das ist der Haß

das ist der Haß

 

Der fünfte bringt stumm

Wein herein -

das wird der

Weinreinbringer sein.

 

In der Recherche nach etwas weinlyrischem bin ich auf dieses Gedichtchen von dem sagenhaften Robert Gernhardt gestoßen. Wollen wir einmal die hässlichen vier ersten Kreaturen vernachlässigen und uns auf den engelsgleichen Letzten fokussieren. Zunächst fällt mir ein, dass ich vor Jahren mal in einer Gruppe Freunde bzw. Mitbewohnern eine junge, weinunerfahrene Dame in meinen Weinkeller geschickt habe, um eine, irgendeine Flasche zu holen. Egal welche es ist, sie wird getrunken. Fühlte sich wie eine Art Lotto an. Weil ich wusste z. B. auch von einer Flasche, die in dem Moment gar nicht ging. Ein halbtrockener St. Laurent von keine Ahnung mehr welchem billigen und doch überteuerten Weingut. Von allen Flaschen da unten im Bauch des Hauses holte sie - genau diesen St. Laurent. Er wurde NICHT getrunken. Entgegen aller Vorsätze. Es gibt Momente, da muss man sich untreu bleiben.

 

Für die aktuelle Weinrallye versuche ich es noch einmal. Und ich werde es diesmal – der obigen Poesie entsprechend - mit einem Weinreinbringer, nicht mit einer Weinreinbringerin versuchen. Und wieder gilt, was geholt wird, wird getrunken. Und wenn es nur ist, damit man diese Regel wieder über Bord werfen kann. Der Lottofee (ja, jetzt musste ich maskulinifizieren) ist Philip, ein langer Mitbewohner. „Langer“ viel mehr körperlich als zeitlich. Und puuh, Glück gehabt. Ellermann-Spiegel Anno XI, eine (wie sein Name schon sagt, 2011er) Cuvée aus Cabernet, Merlot und Spätburgunder. Klingt wie die deutsche Version eines Bordeaux. Von Frank Spiegel bin ich gewohnt, dass er seine Weine zu günstig anbietet, was mir als Konsument sehr behagt. Zwei Stunden musste er sich noch mit atmen beschäftigen, während wir am Tisch noch anderes Zeug vernichten mussten. So, jetzt endlich zur VKN. Alles andere ist unwichtig. Auch der letzte Satz. Auch dieser. Er riecht etwas dreckig, animalisch. Linoleumfußboden, faules Laub, etwas Räucherschinken. Im Mund etwas schlaffer als die Nase erwarten lässt. Vanille, Lakritz, auch das alte Laub, aber ohne krümeliges Mundgefühl. Pflaume auch. Und auch die allgegenwärtige Brombeere. Und wenn man an Bratäpfel denkt, ist man auf dem Holzweg. Aber wenn man sich nur auf die Rosinen eines Bratapfels konzentriert, stimmt's wieder. Etwas stumpf insgesamt, und trotzdem für Deutschland ziemlich dick. Kein Bordeaux, aber man hat doch mächtig was im Mund. Ca. 11,50 €, das ist ok. Dieser Wein ist nach meinem Dafürhalten nicht zu preiswert, aber auch nicht zu teuer. Das ist schön. Denn er hat auch nicht im Geringsten etwas mit Tod, Pest, Leid und Hass zu tun.

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